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Cirque Calder
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Cirque Calder, im anglo-amerikanischen Sprachraum Calderâs Circus, war das erste Hauptwerk des US-amerikanischen KĂŒnstlers Alexander Calder. Der 1926â1931 in Paris entstandene Miniaturzirkus unterscheidet sich deutlich von Calders weitaus bekannteren Mobiles und Stabiles. Die kaum 15 cm groĂen, grob gearbeiteten Zirkusfiguren ĂŒbten ihre Faszination erst durch die Animation ihres Schöpfers aus. Jede AuffĂŒhrung war einzigartig, womit der Cirque der Kunstform Performance Art zugeschrieben wird. Neben seiner SpontanitĂ€t verschafften auch Komik und Direktheit dem Amerikaner Zugang zur Avantgarde der französischen Kunstmetropole. Zu seinen Vorstellungen kamen angesehene KĂŒnstler und Literaten wie Fernand LĂ©ger, Piet Mondrian, Joan MirĂł, Man Ray und Jean Cocteau. Dokumentiert sind etwa siebzig Inszenierungen, die meisten in Paris und etwa dreiĂig in den Vereinigten Staaten. Die letzte AuffĂŒhrung fand 1961 in Frankreich in SachĂ© statt. Aufbewahrt wird die ca. siebzig Exponate umfassende Zirkustruppe im Whitney Museum of American Art in New York City.
Contents
âą Beschreibung
âą AuffĂŒhrungen
âą Kontext
âą Nachlass
âą Filmmaterial
âą Bildmaterial
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Beschreibung
Der Cirque Calder besteht aus ĂŒber 70 ca. 15 cm hohen Miniaturfiguren und -tieren und fast 100 Accessoires wie Netze, Fahnen, Teppiche und Lampen sowie ĂŒber 30 Musikinstrumenten, Schallplatten und Krachmachern. Als Materialien verwendete Calder Draht, Holz, Metall, Stoff, Garn, Papier, Pappe, Leder, SchnĂŒre, GummischlĂ€uche, Korken, Knöpfe, Strasssteine, Pfeifenreiniger und Kronkorken.cite-ref-wmaa-1-0[1] In ihrer bewusst grob behauenen und unfertigen Erscheinungcite-ref-2[2] und ihrer zum Teil recht bizarren Kleidung oder Ausstattung wirken die Figuren allein schon durch ihr ĂuĂeres spaĂig und humorig. Das Besondere jedoch sind die Ideen, mit denen Calder seiner Truppe Leben einhauchte. Einige Beispiele sind:
âą Der Sprechstallmeister Monsieur Loyal, im englischen Sprachraum Ringmaster, beeindruckte in Frack und Zylinder. Seine Arme konnten bewegt werden und fĂŒr seine AnkĂŒndigung ein Sprachrohr zum Mund fĂŒhren. Mit der im Hintergrund angeblasenen Trillerpfeife sorgte er fĂŒr Aufmerksamkeit.cite-ref-3[3]
âą Der kleine Clown Trumpeteer hatte einen Ballon im Mund. Er wurde lebendig, wenn Calder durch einen Schlauch so lange Luft in den Ballon blies, bis dieser die vor ihm stehende BĂ€rtige Dame umwarf und zerplatzte.cite-ref-4[4]
âą Ein anderer Clown tauchte zunĂ€chst in einem langen dunklen Mantel auf. Aufmerksamkeit erregte er dann, wenn Calder seine Kleidung Schicht fĂŒr Schicht auszog, bis er sich als mageres DrahtmĂ€nnlein in einem dĂŒnnen Overall entpuppte.
âą Beim Elefanten fĂŒhrte ein Schlauch lĂ€ngs durch den gesamten Körper und hing vorne als RĂŒssel in seinem Futtertrog. Blies Calder in den Schlauch, stiebten winzige Papierschnipsel wie eine FontĂ€ne zu allen Seiten.cite-ref-5[5]
âą Das fliegende Trapez bestand wie im Zirkus aus zwei Trapezen. Die von Calder in Schwingung gebrachten Artisten waren mit Drahthaken ausgestattet, die Ă€hnlich wie HĂ€nde greifen konnten. MissglĂŒckte ein Flug, fielen die Drahtfiguren in ein locker gespanntes Netz.
âą Ein Dompteur lieĂ seine Peitsche knallen. Nachdem Calder den aus Draht und einem orangefarbenen Stoffkopf gefertigten Löwen aus seinem KĂ€fig genommen hatte, âfĂŒhrte dieser einige Akrobatik vor und lieĂ dann, auf einem Sockel sitzend, zwei oder drei Kastanien fallen, die ich schnell mit SĂ€gemehl bedeckteâ. Da âMoschus-ParfĂŒm zu teuerâ war, gab Calder seinen Plan, GerĂŒche hinzuzufĂŒgen, auf.cite-ref-c-phmc-7-0[7]cite-ref-8[8]
Den Miniaturzirkus bevölkerten auĂerdem Bodenakrobaten, StehaufmĂ€nnchen, abgerichtete Hunde, Schlappseil-Artisten, ein Schwertschlucker, der Sultan von Senegambien, der Speere und Ăxte schleuderte, Don Rodriguez Kolynos, der eine todesmutige Rutschpartie auf einem Drahtseil riskierte, und etliche weitere Akteure.cite-ref-sweeney-9-0[9] Einige von ihnen waren Zirkuslegenden nachempfunden, wie Rigoulot der Starke, der sein Können als Gewichtheber zeigte. Die Bewegung beeinflusste Calder mittels einer Kordel. Lockerte er diese, beugte sich die Drahtfigur nach vorne und ergriff mit ihren Drahthaken die Langhantel. Das Straffen der Kordel bewirkte, dass der Gewichtheber sich zunĂ€chst aufrichtete, dann, so schien es, Ă€chzend das schwere Gewicht hob und es beim Nach-hinten-Beugen auf Ăberkopfhöhe stemmte.cite-ref-10[10] Die Kunstreiterin mit der groĂen Schleife soll dem einstigen Barnum & Bailey âbareback riding starâ May Wirth aufs Haar geglichen haben. Calders Pegasus-Wagen, mit Hunden, die um die RĂ€der kreisen, war wohl dem Gespann von Ella âMadameâ Bradna, einer weiteren Attraktion von Barnum & Bailey, nachempfunden. Bei seinem rauchenden Clown sollen manche Besucher die behaarten Beine des legendĂ€ren Pariser Clowns Albert Fratellini erkannt haben.cite-ref-perl-11-0[11]
Entstehungsgeschichte
Calders Weg zum Zirkus und zur Kunst
Die Kunst zu seinem Beruf zu machen, war eine Entscheidung, die Calder erst im FrĂŒhjahr 1923 traf. ZunĂ€chst hatte er sich fĂŒr die Fachrichtung Maschinenbau interessiert, sein Studium im Juni 1919 abgeschlossen, dann bei einem Hydraulikingenieur gearbeitet und nebenbei Abendkurse im Zeichnen besucht. Zum Richtungswechsel animierte ihn ein Ingenieur in Vancouver.cite-ref-12[12] Nach New York zurĂŒckgekehrt, schrieb er sich in der dortigen Art Students League ein und belegte eine Reihe von Zeichen- und Malkursen. Seine erste bezahlte Arbeit als Illustrator fand Calder 1924 bei The National Police Gazette.cite-ref-cf-25-13-0[13]
Einer der AuftrĂ€ge fĂŒhrte ihn zum Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus, wo er im FrĂŒhjahr 1925 zwei Wochen lang die Artisten und Zirkustiere zeichnete. Das Ergebnis veröffentlichte die Illustrierte am 23. Mai 1925 unter dem Titel âSeeing the Circus with âSandyâ Calderâ (Zirkusbesuch mit âSandyâ Calder). Im darauf folgenden Winter entstanden hunderte Pinselzeichnungen von Tieren im Bronx Zoo und im Central Park Zoo. Auf einer Florida-Reise suchte Calder das Winterquartier des Zirkus in Sarasota auf, war fasziniert von den Zelten und hielt sie in einigen Skizzen fest.cite-ref-cf-25-13-1[13] Ebenfalls von 1925 datiert sein erstes ĂlgemĂ€lde zum Thema: The Flying Trapeze.cite-ref-14[14] Es zeigt eine Darbietung weiblicher und mĂ€nnlicher Luftakrobaten am Fliegenden Trapez. Die ZirkusrĂ€nge sind voll besetzt, alle Gesichter dem Geschehen zugewendet. Ein groĂes Netz fĂŒllt die gesamte Bildbreite aus und sorgt zusammen mit der Trapezkonstruktion fĂŒr einen inneren Rahmen. Der Blick des Betrachters wird auf die Zirkusnummer gelenkt.
In New York hatte Calder ein Zimmer in der Wohnung von Alexander Brook, Direktor des Whitney Studio Clubs, gemietet. Anfang 1926 baute er dort den Humpty-Dumpty-Zirkus der Kinder aus: Er setzte die Spielsachen in Bewegung, lieĂ âeinen Elefanten im Kreis gehenâ und erfand einen Mechanismus, der âeinen Clown auf seinen RĂŒcken hebenâ konnte.cite-ref-cf26-30-15-0[15] Etwa zu dieser Zeit keimte in ihm der Wunsch nach einem Aufenthalt im fernen Europa: âParis seemed the place to goâ (Paris schien der richtige Ort zu sein), sollte er spĂ€ter in seinen Aufzeichnungen festhalten.cite-ref-16[16] Am 20. Juli 1926 erreichte er London und setzte nach einem viertĂ€gigen Zwischenstopp seine Route ĂŒber Le Havre nach Paris fort. Dort traf er sich mit dem Vater eines Studienkollegen und checkte im selben Hotel ein wie er.cite-ref-cf26-30-15-1[15] Die KreativitĂ€t der im Quartier du Montparnasse ansĂ€ssigen KĂŒnstlerszene sollte schon bald ihren Einfluss auf den noch wenig erfahrenen KĂŒnstler ausĂŒben.
Erste kĂŒnstlerische Erfolge mit Drahtskulpturen
âIn meinem ersten Jahr in Paris traf ich einen Serben, der sagte, er sei im Spielzeughandel tĂ€tig, und der mir versicherte, mit der Erfindung von mechanischem Spielzeug gut leben zu können. Da ich nicht viel Geld hatte, war ich interessiert.âcite-ref-c-phmc-7-1[7] In seiner 1952 veröffentlichten âKleinen Geschichte meines Zirkusâ schildert der Neuankömmling die ersten Schritte zum Cirque Calder. Ab Herbst 1926 entstanden zumeist Tierfiguren â Pferde, Ente mit Schlange, eine Kuh etc. â aus Draht, Holz und Stoff, einige von ihnen beweglich. Auf Anregung des spanischen Bildhauers JosĂ© de Creeft stellte Calder seine StĂŒcke im FrĂŒhjahr 1927 im Salon des Humoristes aus.cite-ref-cf26-30-15-2[15] Mit dem Vorschlag eines Freundes, Figuren komplett aus seinem Hauptmaterial Draht zu fertigen, begann die Ăra der von ihm selbst so bezeichneten âDrahtskulpturâ (sculpture en fil de fer bzw. wire sculpture). Sie brachte Alexander Calder auf dem Montparnasse den Namen âDrahtkönigâ (le roi du fil de fer) ein.cite-ref-c-phmc-7-2[7]
Der Kunsthistoriker James Johnson Sweeney sah in den filigranen Gebilden âdreidimensionale, mittels Drahtlinien in den Raum gezeichnete Formen â ganz so, als ob das Hintergrundpapier einer Zeichnung weggeschnitten worden wĂ€re und nur die Linien zurĂŒckgelassen hĂ€tteâ.cite-ref-sweeney-9-1[9] Ihr kĂŒnstlerischer Ausdruck blieb auch in Calders Heimat nicht unbemerkt. So organisierte die Weyhe Gallery, New York im Februar/MĂ€rz 1928 die erste Einzelausstellung. Calder selbst schuf die ausschlieĂlich aus Draht geformte Fensterdekoration, eine nach unten hĂ€ngende und den Ausstellungstitel âWire sculpture by Calderâ (Drahtskulptur von Calder) prĂ€sentierende Luftakrobatin.cite-ref-17[17] Es folgten weitere Ausstellungen in New York und Paris, im April 1929 auch in Berlin: in der auf expressionistische Kunst spezialisierten Galerie Neumann-Nierendorf.cite-ref-18[18] Die Kritik war ĂŒberaus positiv. Der Publizist Adolf Behne fasste treffend zusammen: âEr lĂ€sst aus seiner Plastik weg, was seit Thutmes in Aegyptien als das A und O aller Plastik galt: die Masse, die Körperlichkeit. An die Stelle des Tones, Holzes, Steines, Erzes setzt er die â Luft, einfach die Luft [âŠ]. Und er macht die Luft rĂ€umlich durch sauber hingestellte Konturen aus Draht. [âŠ] Bei Calder ist manches von den plastischen Experimenten der russischen Konstruktivisten wieder munter geworden. Aber der Calderische Konstruktivismus ist ohne Mechanismus ⊠er spielt.âcite-ref-19[19]
Vom Zirkus zum Cirque Calder
Unmittelbar vor seiner Abfahrt nach Europa hatte Calder ein zweites Zirkusbild gemalt. Das mit der Widmung âTo the Hayeses June 27, 1926 from Uncle Sandyâ (FĂŒr die Hayes', 27. Juni 1926, von Onkel Sandy) versehene ĂlgemĂ€lde trĂ€gt den Titel Circus Scenecite-ref-20[20]. Zu sehen ist ein groĂes Durcheinander unter einem riesigen Zeltdach: Vorne haben sich drei Elefanten auf Befehl ihres Dresseurs aufgerichtet. In der Mitte bietet eine junge Frau ihre Akrobatik auf dem RĂŒcken eines galoppierenden Schimmels dar. In einer dritten Manege wird ein bizarrer Seiltanz vorgefĂŒhrt. Jede freie Stelle ist ausgefĂŒllt mit Clowns, echten und falschen Tieren. Links im Vordergrund sorgt eine Kapelle fĂŒr die musikalische Untermalung. Ein Fotograf hĂ€lt die KunststĂŒcke im Bild fest. Mit diesem Geschenk hatte Calder sich von den Kindern seiner in Berkeley, Kalifornien, lebenden Schwester Margaret âPeggyâ und ihrem Mann Kenneth Hayes verabschiedet.
Die in einem europĂ€ischen Zirkus undenkbare simultane Vorstellung in drei Manegen war im Zirkus der Ringling Brothers ganz einfach âThe Greatest Show on Earthâ (die gröĂte Show der Welt). Unter einem riesigen Zirkusdach herrschten ein dichtes GedrĂ€nge und ein schier unglaubliches Getöse. Das visuelle Spektakel und die Theatralik der Auftritte sieht L. Joy Sperling auf einige von Calders Darbietungen ĂŒbertragen â wenn beispielsweise der Schwertschlucker sich bei Schlucken des SpieĂes dreht und windet oder der sich aufspielende Löwe von seinem Dompteur kurzerhand erschossen wird.cite-ref-sper8-11-21-0[21]
Aber auch Calders Kontakt mit dem französischen Zirkus, speziell dem Cirque Medrano, wirkte sich auf die Gestaltung seiner Figuren aus. Am auffĂ€lligsten ist dies wohl in der Verkörperung des nach der französischen Zirkusfamilie Loyal Monsieur Loyal genannten Ringmeisters. Mit dieser Abkehr vom Lauten geht eine wortreichere Performance einher â vorgetragen vom Impresario, in seinem ihm eigenen, urkomischen Franglais. Die teils geradezu absurden Handlungen erforderten tatsĂ€chlich eine Geschichte. Ein Beispiel: Statt sie zu verfehlen, tötete der Sultan von Senegambien seine Assistentin versehentlich mit seinen Ăxten, woraufhin sie von zwei watschelnden SanitĂ€tern hinausgetragen wurde â um als âzweite Assistentinâ hinter einem Vorhang erneut aufzutauchen und das gleiche Schicksal zu erleiden wie die VorgĂ€ngerin. Und so weiter. Die Pointe war Calders ErklĂ€rung, ein stetiger Strom von Assistentinnen warte hinter den Kulissen auf den Befehl des Sultans.cite-ref-sper8-11-21-1[21]
Neben dem Zirkus selbst diente Calder der in den USA Ă€uĂerst populĂ€re Humpty Dumpty Circus der Albert E. Schoenhut Toy Company, Philadelphia als Inspirationsquelle. Bereits vor seiner Spielwarenproduktion in Paris hatte er nach eigenen Angaben ein Schoenhut-Set âverschönertâ. âEs gab einen Elefanten und ein Maultier. Sie konnten dazu gebracht werden, auf ihren Hinterteilen, Vorderteilen oder Köpfen zu stehen. Dann gab es Clowns mit Schlitzen in den FĂŒĂen und Klauen als HĂ€nde; sie konnten auf einem FuĂ oder einer Hand auf einer Leiter balancieren. Einst verband ich diese Dinge mit SchnĂŒren, sodass der Clown auf dem RĂŒcken des Elefanten landen konnte.âcite-ref-22[22] Genau dies markiert den eigentlichen Beginn des Cirque Calder: Statt mit einfachen Schlitzen und Kerben stattete Calder kleine Figuren mit Drahtschlaufen aus, um sie an SchnĂŒren zu bewegen. Damit kann der Amerikaner als einer der Wegbereiter fĂŒr die spĂ€ter sehr populĂ€re kinetische Kunst betrachtet werden.
In fĂŒnf Jahren, von 1926 bis 1931, wuchs die Sammlung auf etwa 200 Exponate an. Calder bewahrte diese in fĂŒnf groĂen Koffern auf â immer bereit, mit Le Cirque auf Reisen zu gehen und seine kleinen Akteure an jedem gewĂŒnschten Ort auftreten zu lassen.
AuffĂŒhrungen
Die ersten AuffĂŒhrungen fanden in Calders âStudioâ in der Rue Daguerre statt, das er im August 1926 angemietet hatte. Genau genommen handelte es sich um ein Zimmer, kaum gröĂer als das im Hotel. Die Besucher mussten sich niederlassen, wo immer sie Platz fanden. Die private AtmosphĂ€re war nicht vergleichbar mit der in einem herkömmlichen Puppentheater. Vor Beginn der Inszenierung entrollte Calder einen Teppich, baute darauf die Manege auf und legte seine Figuren bereit. Dann folgten Monsieur Loyals AnkĂŒndigung, âMesdames et Messieurs, je vous prĂ©sente âŠâ sowie die von Grammophon-Musik untermalte AuffĂŒhrung der etwa 20 Zirkusnummern. Zur Faszination des Publikums trug sicherlich auch das Zusammenspiel der Darsteller bei: GegenĂŒber seinen kleinen Akteuren muss der groĂe Calder geradezu monumental gewirkt haben.cite-ref-perl-11-1[11] FĂŒr Spannung sorgte die Ungewissheit, genau wie im echten Zirkus: Dem Hund gelingt es vielleicht nicht, durch den Papierreifen zu springen. Die Reiterin findet möglicherweise ihr Gleichgewicht nicht wieder, die Luftakrobaten könnten im Netz landen etc. AusfĂ€lle gab es immer wieder und jedes Gelingen wurde freudig beklatscht.cite-ref-sweeney-9-2[9] Das Publikum wurde in die Handlung mit einbezogen und immer wieder aufgefordert, die KĂŒnstler anzufeuern.cite-ref-sper8-11-21-2[21] Das Spektakel konnte bis zu zwei Stunden dauern.cite-ref-wmaa-1-1[1]
Zu den ersten Zirkusbesuchern zĂ€hlten im Herbst 1926 die KunstmĂ€zenin Frances C. L. Robbins, kurz darauf die englische Romanautorin Mary Francis Butts und der Schriftsteller Jean Cocteau.cite-ref-cf26-30-15-3[15] Nachdem Calders Berater Marc RĂ©al am 1. Mai 1927 den Zirkuskritiker AndrĂ© Legrand, bekannt als âLegrand-Chabrierâ, mit ins Studio gebracht und dieser seine Begeisterung im Wochenblatt Candide zum Ausdruck gebracht hatte, verbreitete sich die Neuigkeit schnell.cite-ref-sweeney-9-3[9] Nach und nach fand sich die gesamte Pariser Avantgarde ein, darunter die befreundeten KĂŒnstler Fernand LĂ©ger, Piet Mondrian, Joan MirĂł, Hans Arp, Marcel Duchamp und Tsuguharu Foujita, die Fotografen Man Ray und AndrĂ© KertĂ©sz, der Dichter Robert Desnos, der Architekt Le Corbusier und der Musiker Edgar VarĂšse.cite-ref-23[23] Sogar Paul Fratellini, der Ă€lteste der drei berĂŒhmten ClownbrĂŒder, kam. Seine Bewunderung galt dem Dackel aus einem einfachen Gummischlauch, dessen unterschiedlich lange Beine fĂŒr einen wackeligen Gang sorgten. Calder fertigte fĂŒr ihn eine gröĂere AusfĂŒhrung von âMiss Tamaraâ, die Pauls Bruder Albert dann jahrelang in seinen Sketchen an der Leine herumfĂŒhrte.cite-ref-sweeney-9-4[9]
Im November 1927 trat Alexander Calder eine Reise in die USA an. ZunĂ€chst unterschrieb er in Wisconsin einen Vertrag mit der Gould Manufacturing Company fĂŒr den Entwurf von Prototypen zu einer Reihe von bewegten Tierfiguren aus Sperrholz. Im Winter mietete er in New York ein Zimmer fĂŒr seine Cirque-Calder-AuffĂŒhrungen. Nachdem er den Sommer auf einer Farm in Peekskill, New York mit der Arbeit an Holz- und Drahtskulpturen verbracht hatte, kehrte der KĂŒnstler im November 1928 nach Paris zurĂŒck.cite-ref-cf26-30-15-4[15]
Die einzelnen AuffĂŒhrungen sind durch biografische und autobiografische Aufzeichnungen sowie Briefe und andere Dokumente belegt. Eine Auswertung der in die Chronology der Calder Foundationcite-ref-24[24] aufgenommenen Daten ergibt: Cirque Calder kam mindestens 70-mal zur AuffĂŒhrung, zunĂ€chst in Paris, im Winter 1927/28 und ab August 1929 hĂ€ufig in New York, in Cambridge, Boston und kleineren US-amerikanischen Orten, spĂ€ter auch in Chicago, Washington, D.C., in London und einige Male in Spanien. Ab 1941 scheint das Atelier in Roxbury zum zentralen AuffĂŒhrungsort fĂŒr Calderâs Circus geworden zu sein.
Kontext
Kunsthistorische Einordnung
Indem Calder den Zirkus als Thema seiner Kunst wĂ€hlte, schien er vordergrĂŒndig in die FuĂstapfen einer europĂ€ischen Avantgarde-Tradition getreten zu sein. Seine Leidenschaft fĂŒr den Zirkus und die ZirkusĂ€sthetik war der seiner Pariser VorgĂ€nger und Zeitgenossen jedoch völlig entgegengesetzt. WĂ€hrend beispielsweise Pablo Picassos Vision des Zirkus von Tragödien, Angst vor Ohnmacht und einer lethargischen Monotonie durchdrungen war, wollte Calder das Spektakel des Zirkus jenseits des Atlantiks heraufbeschwören. Seine Interpretation hatte viele Gemeinsamkeiten mit der angloamerikanischen Vorstellung des KĂŒnstlers als Showman. Statt sich selbst als Artist zu sehen (wie Picasso), ĂŒbernahm Calder die Rolle des Schicksal-Lenkers.cite-ref-25[25] Im Unterschied zum Marionettenspieler agierte er jedoch auf und nicht hinter der BĂŒhne.
Bis 1930 war Calders Zirkus zu einem sozialen und kĂŒnstlerischen Event geworden, zu einem Kunstwerk, ĂŒber das man sprach. Um es in kindlich kontrollierter InstabilitĂ€t und Chaos schwelgen zu lassen, umging Calder das BedĂŒrfnis der Erwachsenen nach visueller und intellektueller Ordnung. Er lieĂ zu, dass beispielsweise Thomas Wolfe das in seinen Augen zu lange Scheitern der TrapezkĂŒnstler verspottete. Ja, mehr noch: Er suchte diese Momente geradezu, da seine Arbeit genau dann die gröĂte kreative Kraft ausĂŒbte. Die Panik, der Nervenkitzel, die Angst und die Unsicherheit waren das, wonach Calder zuallererst in seinem Circus strebte und wonach er in all seiner spĂ€teren Kunst weiter zu suchen schien.cite-ref-26[26] Der Enkel Calders und PrĂ€sident der Calder Foundation Alexander S. C. Rower fasst es folgendermaĂen zusammen: âCalders Innovation bestand darin, sein Publikum in ein Live-Erlebnis mit Witz, Erregung, Musik und Action einzutauchen. RĂŒckblickend ist deutlich geworden, dass der Cirque die Premiere der Performance als Kunst war.âcite-ref-27[27]
Eingliederung ins kĂŒnstlerische Werk
WĂ€hrend seiner Zeit in Paris entwarf Alexander Calder neben seinen Zirkusfiguren und Drahtskulpturen bereits die ersten Mobiles (wenn auch Marcel Duchamp diese Bezeichnung erst 1931 prĂ€gte). Die drei zwar leicht zeitversetzten, aber durchaus auch parallel realisierten Projekte hatten einen gemeinsamen Nenner: Draht. Messingdraht war fĂŒr Calder das ideale Material, um filigrane, transparent erscheinende Geschöpfe zu erschaffen und seinen Akrobaten und Zirkustieren sowohl ein stabiles GerĂŒst als auch eine instabile, wenn nicht gar vibrierende MobilitĂ€t zu verleihen. Und genau dieses fĂŒhrte Calder in seinen kinetischen Kunstwerken fort, indem er organisch geformte Metallplatten an ausgeklĂŒgelten Drahtkonstruktionen aufhĂ€ngte.
Mit den Ausstellungen in beispielsweise der Weyhe Gallery in New York âwuchs Calders Ansehen [âŠ] von dem eines exzentrischen amerikanischen Spielzeugmachers, der auf den StraĂen von Paris fĂŒr seinen orangefarbenen Anzug und sein manchmal bizarres Verhalten bekannt war, zu einem legitimen, respektierten und wohlerzogenen surrealistischen Bildhauerâ.cite-ref-28[28] Den Ursprung sieht auch der Kunstkritiker Jed Perl im Cirque Calder. FĂŒr ihn ist Calders Animation der kleinen Figuren der âBeginn einer Belebung des Unbelebten, die einige Jahre spĂ€ter mit dem meisterhaften Lyrizismus seiner gröĂten Mobiles ihren Höhepunkt erreichen sollte.âcite-ref-perl-11-2[11]
Nachlass
Seit Mai 1982 ist Calderâs Circus Teil der Sammlung des New Yorker Whitney Museum of American Art. Eine öffentliche Spendenaktion hatte den Ankauf ermöglicht.cite-ref-wmaa-1-2[1] Die in einer Vitrine ausgestellte Zirkustruppe ist jedoch nicht mehr Calders eigentliches Kunstwerk. In ihrer Bewegung erstarrt, fehlt den Figuren der Animateur, der sie zum Tanzen, Entkleiden, durch die Luft schwingen, Messerwerfen, SchieĂen, Seiltanzen und diversen weiteren KunststĂŒcken bringt. Erst durch den Impresario wird âdas Unbelebte belebtâcite-ref-perl-11-3[11] und damit das Kunstobjekt zum Kunstwerk, zur Performance.
Filmmaterial
Dank des erhaltenen Filmmaterials kann immerhin ein Eindruck gewonnen werden:
âą Im November 1953 hielt sich Calder fĂŒr Zirkus-Filmaufnahmen in Paris auf. Die Kamera fĂŒhrte AndrĂ© Bac.cite-ref-cf53-62-29-0[29] Das Ergebnis wurde 1955 veröffentlicht: Le Grand Cirque Calder 1927. Dokumentarfilm von 1955. Regie: Jean PainlevĂ©. 16 mm Farbfilm. DVD © 2009 Les Documents CinĂ©matographiques, Paris / Calder Foundation, New York. 43 Min.cite-ref-30[30]
âą Vor dem 3. August 1961 drehte der franko-portugiesische Regisseur Carlos VilardebĂł einen Film mit Kommentaren von Alexander Caldercite-ref-cf53-62-29-1[29]: Le Cirque de Calder. Kurzfilm von 1961. Regie: Carlos VilardebĂł. Musik: Pierre Henry. 35 mm Farbfilm. 18 Min.cite-ref-31[31]
AnlĂ€sslich der bis dato einzigen (und aufgrund der SensibilitĂ€t der Exponate wohl auch letzten) Reise des Cirque Calder produzierte das Whitney Museum eine DVD mit dem Film PainlevĂ©s. Vom 18. MĂ€rz bis 20. Juli 2009 bereicherte er die Ausstellung Alexander Calder: Les annĂ©es parisiennes, 1926â1933 im Centre Georges-Pompidou, Paris (und zuvor das Pendant in New York). Im Gegenzug konnte das amerikanische Museum zum ersten Mal das Filmmaterial zeigen.cite-ref-32[32] In der Ausstellung Alexander Calder & Fischli/Weiss der Fondation Beyeler begleitete der Film 2016 einige hochrangige Drahtskulpturen.cite-ref-33[33]
Bildmaterial
Das Bildmaterial unterliegt dem Urheberrecht und kann daher nicht hochgeladen werden. Die Exponate sind jedoch in Einzelaufnahmen auf der Website des Whitney Museums abrufbar.cite-ref-34[34] Das Archiv der Calder Foundation enthÀlt 30 historische Fotografien. Darunter befinden sich Aufnahmen von Sasha Stone (1929), André Kertész (1929), Brassaï (1931), Herbert Matter (1943) und AgnÚs Varda (1953).cite-ref-35[35]
2014 prĂ€sentierte Kunst Meran 36 Originalfotografien aus der Cirque-Calder-Serie von Ugo Mulas. Ihre Entstehung wird auf 1963â1964 datiert.cite-ref-36[36]
Literatur
⹠Legrand-Chabrier: Un petit cirque à domicile. In: Candide. 23. Juni 1927, S. 7 (französisch).
âą Adolf Behne: Plastik als Luftakt: Alexander Calder in der Galerie Neumann-Nierendorf. In: Welt am Abend. 11. April 1929.
âą James Johnson Sweeney: Alexander Calder. Revidierte und erweiterte Auflage. The Museum of Modern Art, New York 1951, S. 15â20 (englisch).
âą Alexander Calder: Voici une petite histoire de mon cirque. In: Permanence du cirque. NEUF. Nr. 7. Revue Neuf, Paris September 1952, S. 37â42 (französisch).
âą Alexander Calder: CALDER, an Autobiography with Pictures. Pantheon Books / Random House, New York 1966 (englisch).
âą L. Joy Sperling: The Popular Sources of Calderâs Circus: The Humpty Dumpty Circus, Ringling Brothers and Barnum and Bailey, and The Cirque Medrano. In: Journal of American Culture. Band 17, Nr. 4, 1994, S. 1â14 (englisch).
âą Alexander S. C. Rower: Cirque Calder. In: Fondation Beyeler (Hrsg.): Alexander Calder & Fischli/Weiss. Riehen/Basel 2016, S. 56â58 (englisch).
âą Jed Perl: Calder: The Conquest of Time. The Early Years: 1898â1940. Alfred A. Knopf, New York 2017, ISBN 978-0-307-27272-0, S. 306â340 (englisch, E-Book, ISBN 978-0-451-49421-4).
Weblinks
Commons
: Alexander Calder
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Marcel Violette: Alexander Calder. In: UNIMA â Union Internationale de la Marionette (World Encyclopedia of Puppetry Arts). 2011, abgerufen am 20. Februar 2023 (französisch).
âą Calder Foundation: 1926-1930: Wire Sculpture and the Circus. In: Archive/Chronology. Abgerufen am 20. Februar 2023 (englisch).
âą Calder Foundation: 1926-1930: Wire Sculpture and the Circus. In: Archive/Works. Abgerufen am 20. Februar 2023 (englisch).
âą Whitney Museum of American Art: Calderâs Circus 1926â1931. In: Collection/Works. Abgerufen am 20. Februar 2023 (englisch).
Einzelnachweise
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cite-note-33. â Mr Loyal, Ringmaster. Filmsequenz, 1955. Abgerufen am 12. MĂ€rz 2022.
cite-note-44. â Little Clown, the Trumpeteer and Bearded Lady. Filmsequenz, 1955. Abgerufen am 12. MĂ€rz 2022.
cite-note-55. â Elephant. Filmsequenz, 1955. Abgerufen am 12. MĂ€rz 2022.
cite-note-66. â Fanni, the Belly Dancer. Filmsequenz, 1955. Abgerufen am 12. MĂ€rz 2022.
cite-note-c-phmc-77. â Alexander Calder: Voici une petite histoire de mon cirque. In: Permanence du cirque. NEUF, Nr. 7, September 1952. Abgerufen am 5. MĂ€rz 2022.
cite-note-88. â Lion and Cage. Filmsequenz, 1955. Abgerufen am 12. MĂ€rz 2022.
cite-note-sweeney-99. â James Johnson Sweeney: Alexander Calder. In: Calder Foundation: Bibliography, 1951. Abgerufen am 5. MĂ€rz 2022.
cite-note-1010. â Rigoulot, the Strong Man, Weight Lifter. Filmsequenz, 1955. Abgerufen am 12. MĂ€rz 2022.
cite-note-perl-1111. â Jed Perl: Calder: The Conquest of Time: The Early Years: 1898â1940. 2017. E-Book. S. 326(a), 308 f.(b), 334(c/d).
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cite-note-2626. â L. Joy Sperling: The Popular Sources of Calderâs Circus. In: Journal of American Culture. 1994, S. 11 f.
cite-note-2727. â Alexander S.C. Rower: Cirque Calder. In: Fondation Beyeler (Hrsg.): Alexander Calder & Fischli/Weiss. Riehen/Basel 2016, S. 56.
cite-note-2828. â L. Joy Sperling: The Popular Sources of Calderâs Circus. In: Journal of American Culture. 1994, S. 2 f.
cite-note-cf53-62-2929. â Calder Foundation: 1953-1962 Large-scale Developments and Intercontinental Projects. In: Archive/Chronology. Abgerufen am 13. MĂ€rz 2022.
cite-note-3030. â Jean PainlevĂ© (Regie): Le Grand Cirque Calder 1927. Original von 1955. Filmsequenz 5:01 Min. Abgerufen am 13. MĂ€rz 2022.
cite-note-3131. â Carlos VilardebĂł (Regie): CALDER âLe Cirque de Calderâ. 1961. Filmsequenz 10:02 Min. Abgerufen am 13. MĂ€rz 2022.
cite-note-3232. â Backcover der DVD, © 2009/2015. Abgerufen am 18. Februar 2023
cite-note-3333. â Fondation Beyeler (Hrsg.): Alexander Calder & Fischli/Weiss. Ausstellung Riehen/Basel 29. Mai â 4. September 2016.
cite-note-3434. â Whitney Museum of American Art: âCalderâs Circusâ. Suchfeldeingabe: calder's circus. In: Collection/Works. Abgerufen am 20. Februar 2023.
cite-note-3535. â Calder Foundation: Cirque Calder. 30 Historical Photos. Suchfeldeingabe: cirque calder. Filter: Historical Photos. In: Divers. Abgerufen am 14. MĂ€rz 2022.
cite-note-3636. â Kunst Meran / Merano Arte (Hrsg.): Ugo Mulas: Cirque Calder. Ausstellung Meran 31. Januar â 18. Mai 2014.